Das Stemmer-Zeichen ist ein einfacher Tasttest beim Verdacht auf ein Lymphödem. Du versuchst, über dem Grundglied der zweiten oder dritten Zehe (oder des Fingers) eine Hautfalte abzuheben. Gelingt das nur schwer oder gar nicht, ist das Zeichen positiv. So beschreibt es die deutsche S2k-Leitlinie zu Lymphödemen der AWMF.
Klingt banal? Trotzdem scheitern viele an zwei Fragen: Wo genau greife ich, und was heißt ein negatives Ergebnis? Genau das klären wir hier.
Key Takeaways
- Hautfalte statt Bauchgefühl. Beim Stemmer-Zeichen prüfst du laut AWMF-Leitlinie, ob sich die Haut über dem Grundglied der zweiten oder dritten Zehe oder des Fingers abheben lässt.
- Positiv heißt verhärtet. Lässt sich die Falte kaum oder gar nicht abheben, spricht das für eine Induration von Haut und Unterhaut, typisch für ein Lymphödem.
- Negativ heißt nicht gesund. Die Leitlinie betont: Ein negativer Befund schließt ein Lymphödem nicht aus.
- Vier Stadien merken. Stadium 0 ist latent, Stadium I spontan reversibel, Stadium II nicht mehr reversibel, Stadium III deformierend.
- Lipödem ist etwas anderes. Dort sammelt sich laut Leitlinie symmetrisch Fettgewebe an, das Lymphsystem ist primär nicht betroffen.
Was ist das Stemmer-Zeichen genau?
Das Stemmer-Zeichen ist ein klinisches Zeichen zur Früh- und Differentialdiagnose des Lymphödems. Es prüft, ob Haut und Unterhaut verhärtet sind. Benannt ist es nach R. Stemmer, der es in der Fachzeitschrift Vasa beschrieben hat. Die AWMF-Leitlinie führt es als festen Teil der Palpation in der Basisdiagnostik.
Bei Verhärtung wird die Haut dicker und fester. Genau diese Verdickung spürst du, wenn du die Falte zwischen Daumen und Zeigefinger nimmst. Laut Leitlinie kannst du die Hautdicke zusätzlich mit einer Schublehre messen.
Was ist ein Lymphödem überhaupt? Die AWMF-Leitlinie bezeichnet es als chronisch entzündliche Erkrankung des Interstitiums. Ursache ist eine angeborene (primäre) oder erworbene (sekundäre) Schädigung des Lymphdrainagesystems, also der Lymphkapillaren, Kollektoren, Lymphstämme oder Lymphknoten.
Lässt sich die Hautfalte an der zweiten Zehe nicht abheben, ist das Stemmer-Zeichen positiv. Lässt sie sich abheben, ist noch nichts ausgeschlossen.
Wie prüfst du das Stemmer-Zeichen Schritt für Schritt?
Du prüfst das Stemmer-Zeichen am entkleideten Patienten, am besten nach der Inspektion im Stehen und im Liegen. Dann greifst du die Haut auf dem Rücken des Grundglieds der zweiten oder dritten Zehe und versuchst, eine Falte abzuheben. Danach vergleichst du mit der Gegenseite und dokumentierst den Befund.
- VorbereitenPatient entkleidet, Untersuchung laut Leitlinie im Stehen und im Liegen. Schau dir zuerst Schwellung, Umfangsdifferenz und Haut an.
- Richtige Stelle findenFußrücken über dem Grundglied der zweiten oder dritten Zehe. Am Arm entsprechend die Finger.
- Falte greifenHaut zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und vorsichtig nach oben ziehen.
- BeurteilenLässt sich eine dünne Falte abheben, ist das Zeichen negativ. Ist die Falte verdickt, schwer oder gar nicht abhebbar, ist es positiv.
- Seiten vergleichenImmer die Gegenseite mitprüfen. Gerade bei einseitiger Schwellung siehst du den Unterschied so am deutlichsten.
- DokumentierenSeite, Ort und Ergebnis notieren, etwa "Stemmer-Zeichen rechts an D2 positiv, links negativ".
Zur Palpation gehören laut Leitlinie außerdem die Dellbarkeit per Fingerdruck ("pitting edema"), die Konsistenz des Ödems von teigig weich bis hart induriert, die Lymphknoten, die Hauttemperatur und der Gefäßstatus. Das Stemmer-Zeichen ist also ein Baustein, nicht die ganze Untersuchung.
Was bedeutet ein positives oder negatives Stemmer-Zeichen?
Ein positives Stemmer-Zeichen bedeutet, dass die Hautfalte durch eine Verhärtung von Haut und Unterhaut vermindert oder gar nicht abhebbar ist. Das spricht für ein Lymphödem. Ein negatives Zeichen schließt ein Lymphödem laut AWMF-Leitlinie aber nicht aus, zum Beispiel in frühen Stadien ohne Gewebeverhärtung.
| Befund | Was du spürst | Was es bedeutet |
|---|---|---|
| negativ | dünne Falte, leicht abhebbar | keine Verhärtung tastbar, Lymphödem trotzdem nicht ausgeschlossen |
| positiv | Falte verdickt, schwer abhebbar | Induration von Haut und Unterhaut, Hinweis auf Lymphödem |
| deutlich positiv | Falte gar nicht abhebbar | ausgeprägte Verhärtung, weitere Abklärung |
Sag in der Prüfung also nie "Stemmer negativ, also kein Lymphödem". Sag lieber: "Negativ, das schließt ein Lymphödem nicht aus." Ist die Diagnose mit der Basisdiagnostik nicht zu stellen, folgen laut Leitlinie weitere Untersuchungen. Das MSD Manual nennt zum Beispiel den Ultraschall, um eine tiefe Venenthrombose auszuschließen, und bei unklarer Ursache die Lymphszintigraphie.
Welche Stadien hat das Lymphödem?
Die AWMF-Leitlinie teilt das Lymphödem in vier klinische Stadien ein: Stadium 0 (Latenzstadium), Stadium I (spontan reversibel), Stadium II (nicht spontan reversibel) und Stadium III (deformierend). Das Stemmer-Zeichen hilft dir vor allem, die Gewebeverhärtung ab Stadium II zu erkennen, weil sich die Haut dann nicht mehr normal abheben lässt.
| Stadium | Klinik laut AWMF-Leitlinie |
|---|---|
| 0 (Latenzstadium) | kein klinisch sichtbares Ödem, aber zum Teil pathologisches Lymphszintigramm |
| I (spontan reversibel) | Ödem von weicher Konsistenz, Hochlagern reduziert die Schwellung |
| II (nicht spontan reversibel) | Ödem mit sekundären Gewebeveränderungen, Hochlagern beseitigt die Schwellung nicht |
| III (deformierend) | harte, deformierende Schwellung, zum Teil lappig, mit typischen Hautveränderungen |
Der Name kommt vom Erstbeschreiber, aber das Wortspiel hilft: Wenn du die Hautfalte an der zweiten Zehe nicht hochstemmen kannst, ist das Zeichen positiv. Kannst du sie stemmen, ist es negativ, aber dann bist du noch nicht fertig mit der Untersuchung.
Lymphödem oder Lipödem: wie trennst du die beiden?
Ein Lymphödem entsteht durch ein geschädigtes Lymphsystem. Ein Lipödem ist laut AWMF-Leitlinie dagegen eine symmetrische, druck- und schmerzempfindliche Ansammlung von Fettgewebe mit Hämatomneigung, meist an Hüfte und Oberschenkeln. Das Lymphsystem ist dabei primär nicht betroffen. Erst im weit fortgeschrittenen Stadium kann ein Lipo-Lymphödem entstehen.
Grenz außerdem die vielen anderen Ödeme ab. Die Leitlinie nennt kardiale, nephrogene, hepatische, endokrine, medikamentöse und infektiöse Ursachen. Ein Beinödem bei Herzinsuffizienz ist eben kein Lymphödem, auch wenn das Bein dick ist. Deshalb gehören Anamnese, Inspektion und Palpation immer zusammen.
Wo begegnet dir das Stemmer-Zeichen im Studium?
Das Stemmer-Zeichen begegnet dir im Untersuchungskurs, in der Famulatur und in mündlichen Prüfungen. Lymphödeme sind nicht selten: Laut AWMF-Leitlinie entwickeln 12 bis 24 Monate nach Brustkrebs mit axillärer Lymphknotenentfernung 19,9 Prozent der Patientinnen ein Lymphödem, nach Sentinel-Biopsie 5,6 Prozent. Die häufigste Ursache sekundärer Lymphödeme sind Malignome und ihre Behandlung.
Wenn du gerade in den klinischen Abschnitt startest, hilft dir unser Artikel Klinik-Start im Medizinstudium. Wer in der Famulatur Gefäße und Lymphabfluss sehen will, findet bei dein-medizinstudium.de das Berufsbild Phlebologe, denn die Phlebologie umfasst ausdrücklich auch das Lymphgefäßsystem. Wie du die Famulatur selbst planst, steht in Famulatur planen, und was die Famulatur formal ist, erklärt das ncrechner Lexikon unter Famulatur.
In der mündlichen Prüfung zählt, dass du Befunde sauber benennst. Wie du dort strukturiert antwortest, liest du in Mündliche Prüfung Medizin. Und für den schriftlichen Teil hilft dir M2 Examen vorbereiten.
So bleibt das Stemmer-Zeichen hängen
Klinische Zeichen vergisst man schnell, weil man sie selten übt. Mach dir deshalb eine Karteikarte pro Zeichen: vorne der Name, hinten Ort, Technik, positiver Befund und die Falle. Hier ist die Falle der negative Befund. Laut UNC Learning Center macht genau dieses Selbsttesten das Lernen intensiver und effizienter als bloßes Wiederlesen.
Wiederhol sie mit Spaced Repetition nach FSRS, dann kommen sie genau dann zurück, wenn du sie fast vergessen hättest. Mehr Merksprüche für klinische und vorklinische Fächer findest du in unseren Eselsbrücken für die Medizin.
Klinische Zeichen sicher abrufen
Über 30.000 Karteikarten für Vorklinik und Klinik und ein Algorithmus, der dir nur die fälligen Karten zeigt. So sitzen klinische Zeichen, Stadien und Abgrenzung auch noch in der Prüfung. Wo du gerade stehst, testest du mit der kostenlosen Physikum-Simulation.
SlayMed kostenlos holenHäufige Fragen zum Stemmer-Zeichen
Wann ist das Stemmer-Zeichen positiv?
Das Stemmer-Zeichen ist positiv, wenn sich die Haut über dem Grundglied der zweiten oder dritten Zehe oder des Fingers nur vermindert oder gar nicht als Falte abheben lässt. Grund ist laut AWMF-Leitlinie eine Verhärtung von Haut und Unterhaut, wie sie beim Lymphödem typisch ist.
Schließt ein negatives Stemmer-Zeichen ein Lymphödem aus?
Nein. Die AWMF-Leitlinie betont, dass ein Lymphödem bei negativem Befund nicht ausgeschlossen werden kann, wenn man nur den Verhärtungsgrad betrachtet. Gerade in frühen Stadien ohne Gewebeverhärtung lässt sich die Falte oft noch abheben. Anamnese, Inspektion und die übrige Palpation gehören deshalb immer dazu.
Wo genau prüfe ich das Stemmer-Zeichen?
Du prüfst es auf dem Rücken des Grundglieds der zweiten und oder dritten Zehe, beim Armlymphödem an den entsprechenden Fingern. Die Leitlinie nennt zusätzlich andere betroffene Körperstellen. Vergleich immer mit der Gegenseite, damit du einen Unterschied in der Faltendicke sicher erkennst.
Ist das Stemmer-Zeichen beim Lipödem positiv?
Beim reinen Lipödem ist das Lymphsystem laut AWMF-Leitlinie primär nicht betroffen, es handelt sich um eine Verteilungsstörung des Fettgewebes. Ein positives Stemmer-Zeichen spricht deshalb eher für eine lymphatische Komponente. Im weit fortgeschrittenen Stadium kann aus einem Lipödem allerdings ein Lipo-Lymphödem werden.
Wie viele Stadien hat das Lymphödem?
Die AWMF-Leitlinie unterscheidet vier klinische Stadien. Stadium 0 ist das Latenzstadium ohne sichtbares Ödem. Stadium I ist weich und bessert sich beim Hochlagern. Stadium II zeigt Gewebeveränderungen und bildet sich nicht mehr von allein zurück. Stadium III ist eine harte, deformierende Schwellung.
Quellen
- AWMF: S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Lymphödeme, Reg.-Nr. 058-001, Langfassung Mai 2017 (Definition, Epidemiologie, Stadien, Basisdiagnostik mit Stemmer-Zeichen, Lipödem; laut Register seit mehr als 5 Jahren nicht aktualisiert und in Überarbeitung; abgerufen 09.10.2026): https://register.awmf.org/assets/guidelines/058-001l_S2k_Diagnostik_und_Therapie_der_Lymphoedeme_2019-07-abgelaufen.pdf
- AWMF Leitlinienregister: Eintrag 058-001 (abgerufen 09.10.2026): https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/058-001
- MSD Manual Ausgabe für medizinische Fachkreise: Lymphödem (Diagnose, Ultraschall, Lymphszintigraphie; abgerufen 09.10.2026): https://www.msdmanuals.com/de/profi/herz-kreislauf-krankheiten/lymphatische-erkrankungen/lymph%C3%B6dem
- UNC Chapel Hill Learning Center: Study Smarter Not Harder (abgerufen 09.10.2026): https://learningcenter.unc.edu/tips-and-tools/studying-101-study-smarter-not-harder/