EKG lesen bedeutet, die Kurve eines Elektrokardiogramms immer in derselben Reihenfolge auszuwerten: Rhythmus, Frequenz, Lagetyp, Zeiten und Erregungsrückbildung, danach ein Satz als Befund. Wer diese Reihenfolge einhält, übersieht deutlich weniger. Du brauchst dafür kein Kardiologie-Studium, sondern ein festes Schema und viele echte Streifen.
Das Standard-EKG liefert laut MSD Manual 12 Ableitungen. Dafür reichen 10 Elektroden: vier an den Extremitäten und sechs auf der Brustwand, so beschreibt es das Lehrbuch OpenStax. Spätestens in der Famulatur legt dir jemand so einen Streifen hin und fragt: "Und?" Ab dann hilft dir EKG lesen mit System mehr als jedes Bauchgefühl.
Key Takeaways
- Immer dieselbe Reihenfolge. Rhythmus, Frequenz, Lagetyp, Zeiten, Erregungsrückbildung. Erst am Ende kommt der Befundsatz.
- Zuerst den Papiervorschub prüfen. Bei 50 mm/s steht ein großes Kästchen für 0,1 Sekunden, bei 25 mm/s für 0,2 Sekunden. Davon hängt jede Zeitmessung ab.
- Fünf Normwerte reichen für den Anfang. Frequenz 60 bis 100 pro Minute, PR 0,10 bis 0,20 s, QRS 0,07 bis 0,10 s, QTc und die normale Herzachse.
- Der Lagetyp geht in zehn Sekunden. Schau auf Ableitung I und aVF. Sind beide positiv, liegt die Achse im Normalbereich.
- Übung schlägt Theorie. Wer täglich ein paar Streifen nach Schema befundet und sich die Normwerte abfragt, wird schnell sicher.
Was zeigt ein EKG überhaupt?
Ein EKG zeigt die elektrische Erregung des Herzens als Kurve über die Zeit. Laut OpenStax steht die P-Welle für die Erregung der Vorhöfe, der QRS-Komplex für die Erregung der Kammern und die T-Welle für deren Rückbildung. Die Rückbildung der Vorhöfe siehst du nicht, weil sie im QRS-Komplex verschwindet.
Die 12 Ableitungen schauen aus verschiedenen Richtungen auf dasselbe Herz. Sechs liegen in der Frontalebene: I, II und III sowie aVR, aVL und aVF. Sechs liegen horizontal auf der Brustwand: V1 bis V6. So teilt es das MSD Manual ein.
Wenn dir die Grundlagen der Erregung noch wackelig vorkommen, lies zuerst unseren Artikel zum Aktionspotential. Die Herzanatomie dahinter fassen die Herz-Kreislauf-Basics mit Eselsbrücken zusammen.
Wie liest du das EKG-Papier richtig?
Bevor du irgendetwas misst, schau auf den Papiervorschub. Er steht meist unten oder oben auf dem Ausdruck. Beide Geschwindigkeiten kommen vor, 50 mm/s und 25 mm/s, und eine Verwechslung verdoppelt oder halbiert jede Zeit.
Das Raster ist immer gleich: kleine Kästchen mit 1 mm, große Kästchen mit 5 mm.
| Papiervorschub | 1 kleines Kästchen | 1 großes Kästchen | Frequenz aus großen Kästchen |
|---|---|---|---|
| 50 mm/s | 0,02 s | 0,1 s | 600 geteilt durch Anzahl zwischen zwei R-Zacken |
| 25 mm/s | 0,04 s | 0,2 s | 300 geteilt durch Anzahl zwischen zwei R-Zacken |
Ein Beispiel: Bei 50 mm/s liegen acht große Kästchen zwischen zwei R-Zacken. 600 geteilt durch 8 ergibt 75 Schläge pro Minute.
Wie gehst du beim EKG lesen Schritt für Schritt vor?
Gehe jedes EKG in sechs festen Schritten durch, auch wenn dir sofort etwas ins Auge springt. Das Auffällige lenkt sonst vom Rest ab.
- RhythmusFolgt auf jede P-Welle ein QRS-Komplex? Sind die Abstände zwischen den R-Zacken gleich? Dann spricht viel für einen Sinusrhythmus.
- FrequenzGroße Kästchen zwischen zwei R-Zacken zählen und mit der Formel aus der Tabelle rechnen.
- LagetypAbleitung I und aVF anschauen und die Herzachse grob einordnen.
- ZeitenP-Welle, PR-Intervall, QRS-Breite und QT-Zeit messen und mit den Normwerten vergleichen.
- ErregungsrückbildungST-Strecke und T-Welle in allen 12 Ableitungen prüfen: gehoben, gesenkt, abgeflacht oder negativ?
- BefundsatzAlles in einem Satz zusammenfassen, zum Beispiel: Sinusrhythmus, Frequenz 75 pro Minute, Indifferenztyp, Zeiten normal, keine Erregungsrückbildungsstörung.
R wie Rhythmus, F wie Frequenz, L wie Lagetyp, Z wie Zeiten, E wie Erregungsrückbildung.
Welche Normwerte musst du für das EKG kennen?
Für sicheres EKG lesen reichen am Anfang fünf Werte. Die Frequenz stammt aus OpenStax, die Zeiten und die Achse aus dem MSD Manual. Lehrbücher setzen einzelne Grenzen leicht anders, nimm im Zweifel die Werte deiner Fakultät.
| Messwert | Normalbereich | Was eine Abweichung bedeuten kann |
|---|---|---|
| Herzfrequenz in Ruhe | 60 bis 100 pro Minute | unter 60 Bradykardie, über 100 Tachykardie |
| PR-Intervall | 0,10 bis 0,20 s | länger als 0,20 s: AV-Block I. Grades |
| QRS-Dauer | 0,07 bis 0,10 s | breiter Komplex: Leitung in den Kammern verzögert |
| QTc | 350 bis 450 ms (Männer), 360 bis 460 ms (Frauen) | Verlängerung erhöht das Risiko für Torsade de pointes |
| Herzachse | minus 30 bis plus 90 Grad | Links- oder Rechtsabweichung, siehe Lagetyp |
Wie bestimmst du den Lagetyp schnell?
Der Lagetyp ist die Hauptrichtung der Kammererregung in der Frontalebene. Für die schnelle Einordnung brauchst du nur zwei Ableitungen. Ist der QRS-Komplex in I und in aVF überwiegend positiv, liegt die Achse zwischen 0 und plus 90 Grad und damit im Normalbereich.
Ist I positiv und aVF negativ, schau zusätzlich auf II. Ist II noch positiv, liegt ein Linkstyp vor. Ist II negativ, liegt die Achse jenseits von minus 30 Grad, das ist ein überdrehter Linkstyp. Ist I negativ und aVF positiv, zeigt die Achse nach rechts. Laut MSD Manual gilt minus 30 bis minus 90 Grad als Linksabweichung, plus 90 bis plus 180 Grad als Rechtsabweichung.
| Lagetyp | Gängige Gradeinteilung |
|---|---|
| Überdrehter Linkstyp | jenseits von minus 30 Grad |
| Linkstyp | minus 30 bis plus 30 Grad |
| Indifferenztyp | plus 30 bis plus 60 Grad |
| Steiltyp | plus 60 bis plus 90 Grad |
| Rechtstyp | plus 90 bis plus 120 Grad |
| Überdrehter Rechtstyp | jenseits von plus 120 Grad |
Befunde, die du sofort erkennen solltest
Beim EKG lesen tauchen ein paar Muster in jeder Prüfung und auf jeder Station auf. OpenStax beschreibt sie so: Ein verlängertes PR-Intervall zeigt eine verzögerte Überleitung zwischen Sinus- und AV-Knoten. Beim AV-Block III. Grades haben P-Wellen und QRS-Komplexe nichts mehr miteinander zu tun. Bei Vorhofflimmern fehlt das normale Muster vor dem QRS-Komplex, und die QRS-Komplexe folgen schneller aufeinander.
Bei einer ventrikulären Tachykardie ist der QRS-Komplex verformt. Eine ST-Hebung sieht man oft beim akuten Herzinfarkt, eine ST-Senkung bei Sauerstoffmangel. Flache T-Wellen können ebenfalls auf zu wenig Sauerstoff im Herzmuskel hinweisen.
Ein auffälliger Befund ist nie das Ende der Auswertung. Er ist nur der Grund, die restlichen Schritte besonders sauber zu machen.
Wie übst du EKG lesen, bis es sitzt?
Am schnellsten lernst du EKG lesen mit vielen echten Streifen und festem Schema. Befunde einen Streifen erst komplett allein, schreib deinen Befundsatz auf und vergleiche erst danach mit der Lösung. Laut UNC Learning Center macht genau dieses Selbsttesten das Lernen intensiver und effizienter als bloßes Durchlesen.
Frag in der Famulatur, ob du die Aufnahme-EKGs vorbefunden darfst, bevor die Ärztin draufschaut. Wie du die Famulatur planst, steht in Famulatur planen, und was sie formal verlangt, erklärt der Eintrag zur Famulatur im ncrechner Lexikon. Praktische Tipps für deine ersten Tage im Krankenhaus findest du im Ratgeber Famulatur: wichtige Infos und Tipps.
Wer sich für das Fach selbst interessiert, liest nach, was ein Kardiologe im Alltag macht. Und weil EKG und Blutgasanalyse auf Intensivstation oft zusammen auf dem Tisch liegen, lohnt sich danach unser Leitfaden Blutgasanalyse interpretieren.
EKG-Normwerte, die bleiben
Über 30.000 Karteikarten für Vorklinik und Klinik und ein Algorithmus, der dir nur die fälligen Karten zeigt. So wird EKG lesen vom Angstthema zur Routine. Für die Grundlagen der Physiologie lohnt sich auch die kostenlose Physikum-Simulation.
SlayMed kostenlos holenHäufige Fragen zum EKG lesen
Wie lange dauert es, EKG lesen zu lernen?
Das Grundschema mit Rhythmus, Frequenz, Lagetyp, Zeiten und Erregungsrückbildung lernst du in wenigen Tagen. Sicher wirst du erst durch Übung an vielen echten Streifen. Laut OpenStax braucht ein vollständiges Verständnis aller Feinheiten meist mehrere Jahre Erfahrung, für Famulatur und Prüfung reicht aber ein sauberes Schema.
Woran erkenne ich den Papiervorschub?
Der Papiervorschub steht in der Regel auf dem Ausdruck, meist am unteren oder oberen Rand. Üblich sind 50 mm/s oder 25 mm/s. Bei 50 mm/s steht ein großes Kästchen für 0,1 Sekunden, bei 25 mm/s für 0,2 Sekunden. Prüf das immer zuerst, sonst stimmt keine einzige Zeitmessung.
Wie berechne ich die Herzfrequenz im EKG?
Zähle die großen Kästchen zwischen zwei R-Zacken. Bei 50 mm/s teilst du 600 durch diese Zahl, bei 25 mm/s teilst du 300 durch sie. Acht große Kästchen bei 50 mm/s ergeben also 75 Schläge pro Minute. Bei unregelmäßigem Rhythmus zählst du besser die Komplexe über mehrere Sekunden.
Welche Normwerte sollte ich auswendig können?
Für den Anfang reichen fünf: Herzfrequenz 60 bis 100 pro Minute, PR-Intervall 0,10 bis 0,20 Sekunden, QRS-Dauer 0,07 bis 0,10 Sekunden, QTc 350 bis 450 ms bei Männern und 360 bis 460 ms bei Frauen sowie eine Herzachse zwischen minus 30 und plus 90 Grad.
Wie bestimme ich den Lagetyp am schnellsten?
Schau auf die Ableitungen I und aVF. Sind beide überwiegend positiv, liegt die Achse im Normalbereich. Ist I positiv und aVF negativ, entscheidet Ableitung II: positiv heißt Linkstyp, negativ heißt überdrehter Linkstyp. Ist I negativ und aVF positiv, zeigt die Achse nach rechts.
Quellen
- MSD Manual Ausgabe für medizinische Fachkreise: Elektrokardiographie (12 Ableitungen, PR-Intervall, QRS-Dauer, QTc-Bereiche, Herzachse; abgerufen 05.10.2026): https://www.msdmanuals.com/de/profi/herz-kreislauf-krankheiten/kardiovaskul%C3%A4re-tests-und-verfahren/elektrokardiographie
- OpenStax: Anatomy and Physiology 2e, Kapitel 19.2 Cardiac Muscle and Electrical Activity (10 Elektroden beim 12-Kanal-EKG, P-Welle, QRS-Komplex, T-Welle, Blockbilder, ST-Strecke; abgerufen 05.10.2026): https://openstax.org/books/anatomy-and-physiology-2e/pages/19-2-cardiac-muscle-and-electrical-activity
- OpenStax: Anatomy and Physiology 2e, Kapitel 19.4 Cardiac Physiology (Bradykardie unter 60, Tachykardie über 100 Schläge pro Minute; abgerufen 05.10.2026): https://openstax.org/books/anatomy-and-physiology-2e/pages/19-4-cardiac-physiology
- UNC Chapel Hill Learning Center: Studying 101, Study Smarter Not Harder, zum Selbsttesten als aktiver Lernstrategie (abgerufen 05.10.2026): https://learningcenter.unc.edu/tips-and-tools/studying-101-study-smarter-not-harder/